Inszenierung des Unsichtbaren

APSS Wien / Enrico Santifaller / Deutsche BauZeitschrift / 2001

Als der Computerhersteller Olivetti 1993 die Architekten David Chipperfield, Eduardo Souto de Moura und Herzog & de Meuron bat, ein Bankgebäude zu entwerfen, das den technologischen Entwicklungen in dem Gewerbe Rechnung trägt, präsentierte das Basler duo einen überdimensionalen Container, der stapel-, nebeneinander leg- und teilbar sich jedem Ort je nach vorhandenen Bedürfnissen anpassen ließ. Das Auffälligste an dem Projekt war die Fassade: ein transparenter Körper aus goldschimmernden, bedampften Glasplatten. Nun ist der bargeldlose Zahlungsverkehr seit Anfang ein Teil des Bankgewerbes, doch hat er durch den Einsatz der Informationstechnologien einen weiteren Schub bekommen. Heute behüten Finanzinstitute nur noch wenige materielle Tauschobjekte, aber umso mehr Binärdaten. Dem tradierten Bild der Bank von Solidität, Massigkeit und schützenden Werten trotzend, kehrte Herzog & de Meurons als Medium aufgefasste Goldfassade das Innerste nach Außen, die Hülle sollte den Gedanken an Goldbarren provozieren. Während unser Alltag zunehmend durch Online-Banking, Chipkarte und seit kurzem von Handy-Paying bestimmt wird, wirkt eine Zur-Schau-Stellung des stählernen Tresors wie im Erdgeschoss von Norman Fosters Hongkong & Shanghai Bank oder in der Düsseldorfer Filiale der Dresdner Bank ( Entwurf: Kraemer, Sieverts und Partner)- beide, einst avancierte Gebäude wurden gerade vor 15 Jahren fertiggestellt – schon seltsam anachronistisch. Wie aus jenen fernen Zeiten, da schwarz maskierte, etwas dickliche Herren mit ihren nummern-gezierten Leibchen versuchten, in Onkel Dagoberts Geldspeicher einzubrechen. Die Panzerknacker von einst sind Hackern gewichen, flüchtige Firewalls ersetzen nun tonnenschweren Stahl. Freilich geben Mauern elektronischer Provenienz nicht all zuviel her, um suggestive Bilder zu erzeugen. Genau dieser Herausforderung musste sich der Wiener Architekt Gustav Pichelmann stellen, als er von der Austrian Payment System Services (APSS), einer Tochter des internationalen Finanzunternehmens, Europayment, den Auftrag bekam, das zentrale Rechenzentrum umzubauen. Denn zuvor waren Besucher, die das Rechenzentrum, in dem täglich durchschnittlich 700 000 Zahlungsvorgänge abgewickelt werden, in Augenschein nahmen, schrecklich enttäuscht. Was die wichtigen Menschen, die überhaupt in das Herzstück des elektronischen Zahlungsverkehr in Österreich eindringen dürfen, zu sehen bekamen, war bis auf eine Handvoll vergleichsweise schmuckloser Computer nicht viel. Der Architekt hatte also etwas zu Inszenieren, was in Wahrheit ziemlich unsichtbar ist.

Wie vieler der wirklich guten Wiener Architekten, ist Pichelmann ein Meister der Kleinmaßstäblichkeit. Die Wirtschaftskraft des Landes ist beschränkt, und die relativ wenigen Großaufträge werden bürokratisch-geschmeidig zwischen Kommerzbüros und großen Namen aufgeteilt. Jüngere Architekten müssen sich in Österreich und vor allem seiner Hauptstadt stets im Kleinen beweisen. Und so werden Ladeneinrichtungen oder Dachgeschosse zu Architekturmanifesten – man erinnere sich an Holleins Kerzengeschäft Reti, Coop Himelb(l)aus Dachaufbau in der Falkerstraße oder Herman Czechs Kleines Cafe. Auch Pichelmann hat mit shop-design, einer Boutique des Edelcouturiers Helmut Lang in Wiens Innerer Stadt, erstmals Schlagzeilen gemacht.

Einer betont zurückhaltenden Ladenfront mit einer reduzierten, an Adolf Loos geschulten Einrichtung, die ihre Kraft aus Präzision, Materialgerechtigkeit und intelligentem Ausnutzen vorhandener Strukturen schöpft.

Bei APSS waren letztere bescheiden: Das Rechenzentrum liegt in einem Hinterhof eines unauffälligen Hauses aus den früheren 80er Jahren in Landstrasse, dem 3. Wiener Bezirk. Vom Äußeren des Aller-Welt-Gebäudes bleibt nichts weiter als die pinkfarben gestrichenen Fensterprofile in Erinnerung. Auch mit dem Inneren, beispielsweise mit dem Empfang lässt sich kein Architekturpreis gewinne, und das Rechenzentrum selbst verbreitet nicht anderes als gewöhnliche Arbeitsatmosphäre: mausgraue, doppelt abgehängte Decken, mausgraue Doppelböden mit mehreren Lagen übereinander geschichteter armdicker Kabelstränge, ein geschäftiger, doppelt abgesicherter Roboter, ein Operating-Room, wo ein paar Menschen vor einer Menge von Bildschirmen sitzen, Schränke mit Modems und natürlich die besagte Handvoll von Rechnern. Ein Paradies vielleicht für blasse Computerfreaks, zumindest so wie wir sie uns vorstellen, sonst aber wenig attraktiv. Jedenfalls nichts, was auf die Bedeutung dieser Einrichtung hinweisen könnte.

Eine neue Wegführung, die Betonung der Schleusen für die verschiedenen Sicherheitsbereiche, eine zweite, innere Haut sowie eine dramaturgische Beleuchtung lauten die Grundzüge von Pichelmanns Konzept, das im übrigen die bestehende Strukturen- etwa vorhandene Arbeitsbeleuchtung – belies. Der Architekt änderte den Grundriss, das ehemalige Papierlager wurde zum Empfangsraum. Dort leuchten nun die Logos aller der Finanzinstitute, die die APSS mit ihrem Rechenzentrum bedient, nennen metallene Buchstaben etwa 50 Hauptstädte in aller Welt, mit denen die Firma elektronisch in Verbindung steht. Zugleich ist dieser Raum die einzige Verbindung zum übrigen Gebäude. Die erste Schleuse befindet sich zwischen Empfangsraum und dem übrigen Rechenzentrum, sie ist wie eine Ampel ausgeführt. Rechts und links sind jeweils vier LED-Felder bündig hinter einer Edelstahlblende angebracht, gewöhnlich leuchten sie rot. Ein biometrisches System prüft Stimme, Gesichtsform und Mundbewegung des Besuchers, der Einlass begehrt. Gibt das System seine Zustimmung, entriegelt eine Türautomatik hörbar das Schloss, die LEDs leuchten nun grün, ein Signalton ertönt, schließlich öffnet sich die Tür wie von Geisterhand.

Insgesamt gibt es sechs solcher Schleusen, die selbstverständlich Sicherheitsbedürfnisse, freilich auch die Imagination des Besuchers bedienen. Spätestens beim Passieren der ersten Schleuse fühlt dieser eine Ambivalenz zwischen eigener Bedeutsamkeit - in die Eingeweide der Firma vorzudringen - und Bekommenheit, nun Teil eines Gutes zu sein, die mit höchsten Sicherheitsmaßnahmen beschützt werden muss. Denn die nächste Tür lässt sich erst bedienen, nach dem die vorangegangene fest verschlossen ist. Der Architekt wird hier zum Regisseur der Gefühle: Die besagte zweite Haut aus vertikalen blau leuchtenden Neonröhren hinter extrem lichtstreuenden Polycarbonatplatten („Diafos“, Hersteller: Abet Laminati) trifft exakt den Ton der beschriebenen Ambivalenz. Der Zwischenraum zwischen Boden und Unterkante bzw. decke und Oberkante der Polycarbonatpaneele beträgt etwa 30 Zentimeter, die leuchtende Haut scheint also zu schweben, was über den Boden durch einfache Glühlampen in Verlängerung der Leuchtstoffröhren zusätzlich betont wird. Im zweiten Raum werden zwei Bilder auf die leuchtende Schicht projeziert. Das erste zeigt den in blaues Licht getauchten Rechnerraum, also das Herzstück, das einmal pro Minute aktualisierte zweite Bild der zahl der am Tag abgewickelten Zahlungsvorgänge. 700 000 täglich heißt pro Stund etwas mehr als 29 000, und in der Minute genau 486,11 Zahlungsvorgänge. Man stelle sich also 5 Minuten lang eine Schalterhalle mit dann insgesamt 2430 Menschen oder mehrere Schalterhallen mit entsprechend weniger Menschen vor, die abheben, einzahlen, überweisen, Schecks einreichen ....

Mit solchen Gedanken beschäftigt, erreicht der Besucher, nachdem er eine weitere Schleuse passiert hat, über eine kleine mit einer Lichtfuge beleuchteten Treppe den sogenannten Control Room. dieser nicht allzu große trapezförmige, nur schwach mit Downlights über einem feinmaschigen Metallnetz beleuchtete Raum erinnert keineswegs unabsichtlich an die Kommandobrücke einer Raumkapsel. Die mit einem Kunststoffbelag, der ursprünglich aus dem Sportbereich kommt, bedeckten Wände sind – raumerweiternd – nach außen geknickt. Eine großformatige Priva-Lite-Scheibe (2,80 x 1,00 M) an der Stirnseite des Raumes gibt den Blick auf den Rechnerraum frei. Die Scheibe kann aber auch in einen milchglasartigen, den Raum verengenden Zustand geschaltet werden oder als Projektionsfläche dienen. Auf den drei fünfzehnzölligen Flachbildschirmen darunter lassen sich mit Tastaturen alle möglichen Computerdaten ablesen.

Der Computer im eigentlichen – natürlich klimatisierten – Rechnerraum gruppierte der Architekt – bei laufendem Betrieb – perspektivisch so um, dass sie nun alle im Blickfeld des Besuchers im Control Room liegen. Der Abstand zwischen zweiter Haut und der Wand beträgt etwa einen Meter. Mögen kunstgeschichtlich Gebildete Besucher hier Anklänge an ein Peristyl oder die Kreuzgänge der mittelalterlichen Börsen sehen, so sei daran erinnert, dass etwa der um 1900 fertiggestellte mit Eisenbahnschienen armierte Depositentresor in der Berliner Filiale der Dresdner Bank einen eigenen Kontrollgang besaß. Was im vergangenen Jahrhundert eine zusätzlich Sicherheitsfunktion hatte, dient in unseren digitalen Zeiten der Dramaturgie und einem weiteren, die Angestellten höchst erfreuenden Zweck: Der entstandene Raum im Rechnerraum der APSS lässt sich als Stauraum für kleinere Computer, Werkzeuge, Kabel und all jenes benützen, was Besucher nicht unbedingt sehen sollen.

Wenige Spotlight akzentuieren die einzelnen Rechner, kein Lämpchen flackert an den Geräten. Man hört ein kräftiges Brummen, sonst nichts. Und doch werden in diesem Raum Summen bewegt, die Vorstellungskraft vieler übersteigen. Nicht Stahl, sondern blaues Licht umhüllt die Rechner wie einen Schatz und verleiht diesen den Charakter der Unermesslichkeit. Die Computer werden zu Kleinodien, sie leisten keine Arbeit, sondern verwandeln sich zu streng, mit allen Mitteln der Sicherheitstechnik, behüteten Objekten der Gier – so nah, und doch in unendlicher Ferne. In solchen Momenten kann Architektur sich zurückziehen, sich gelassen damit begnügen die Inszenierung wirken zu lassen.

Enrico Santifaller / Deutsche BauZeitschrift / 2001